Kehrwerte

Seltsam, warum denke ich bei den Arbeiten von Bruce Nauman an den Körper und empfinde ihre Geometrie? Sollte es nicht gerade umgekehrt sein, das Körperliche eine Sache des Gefühls und die Geometrie eine Sache des Verstandes? Solch eine Umkehrung der Erwartung, solch eine Überkreuzstellung der Wahrnehmung führt aber womöglich direkt auf einen zentralen Punkt zu. Das Reziproke als eine zutiefst Naumansche Denk- und Werkfigur?

Verdeckter Ort der Emotion

Das Spiel mit den zwei Bällen gewinnt seine Schärfe durch die Beschränkung des Quadrats auf dem Boden. Ein getaktetes Viereck gibt dem Tänzer die Figur und den Rhythmus vor. Der rechte Winkel der Raumecke wird zum Anziehungs- und Abstoßungsort einer Übung zur Schwerkraft. Und in dem von Samuel Beckett inspirierten, grotesken Slow Angle Walk haben die rechten Winkel des Raums vom Körper selbst Besitz ergriffen. Die Performances ohne Publikum, die Nauman 1967/68 in seinem Studio filmt, haben genau betrachtet zwei Akteure. Hier der Körper des Künstlers, dort eine unabdingbare Geometrie. Der strukturierte Raum ist nicht nur Aufführungsort, sondern Partner. Er setzt Parameter, mit und gegen die der Künstler agiert. Der konkrete Raum als gleichsam handelndes Element hat Ende der 1960er Jahre bereits eine gewisse Tradition im Modernen Tanz. Auch die dort radikal veränderte Rolle des Publikums beeinflusst Naumans Erweiterung skulpturaler Fragestellungen. Bisweilen kippt er das Videobild um 90 Grad: Die aus dem Lot geratene Wahrnehmung des Betrachters korrespondiert mit den Gleichgewichtsübungen des Performers.

Bei den Studio-Videos konzentriert sich die Aufmerksamkeit zuerst auf den agierenden Körper. Trotz der mitunter forcierten Bewegungen bleiben sein Handlungsablauf und sein Ausdrucksgehalt jedoch eigentümlich distanziert. Hier wird keine Geschichte dargestellt, noch eine Emotion ausgedrückt, noch wendet sich eine Person direkt an das Publikum. Dessen Einfühlungsversuche laufen an der Dinglichkeit des Gezeigten auf. Es werden vielmehr Permutationen von Gegenständen im Raum durchgespielt, die keinen prinzipiellen Unterschied zwischen Objekten und Körpern machen. Die Geometrie in diesem Spiel ist nicht Schlüssel zur Klärung des Geschehens, sondern Teil der ungelösten Spannung zwischen Wahrnehmen, Erleben und Empfinden. Ganz gegen ihren Ruf erscheint sie als verdeckter Ort der Emotion.

Zwischen Faszination und Flucht

Naumans Block-Skulpturen der siebziger Jahre setzen auf einer Textebene ein. Zuerst formuliert er eine scheinbar logisch strukturierte Reflexion über das Wechselspiel von Entblößen und Verbergen: Consummate Mask of Rock (1975). Dem Muster des Knobelspiels ‚Schere, Stein, Papier’ folgend entfaltet sich eine Art Litanei widerstreitender menschlicher Zustände und Verhaltensweisen. Es entsteht ein Gefühl überbordender Komplexität und schmerzlicher Widersprüchlichkeit irgendwo zwischen Ludwig Wittgenstein und Samuel Beckett. Erst danach folgt eine Skulptur aus zwei mal acht Steinblöcken leicht unterschiedlicher Größe, später ähnliche Arbeiten mit teils geometrischen, teils freien Anordnungen, wobei die Einzelelemente mal rechtwinklig, mal perspektivisch verzerrt sind. Black Marble Under Yellow Light (1981/1988) schließlich fällt durch sein Material und das starke gelbe Licht, das Arbeit und Raum einhüllt, auf. Es wurde alles getan, um eine einfache und sichere Wahrnehmung der klaren geometrischen Formen zu stören. Die Blöcke stehen dicht, aber ohne Kontakt in Kreuzformation und auf Eck – so dehnt sich die ruhende Gestalt der Quader scheinbar zur dynamischen Rhombenform. Ein größerer und ein kleinerer Block wechseln sich ab –  so beginnt die Geometrie zu vibrieren.  Mit knappem Abstand zu den Wänden aufgestellt, greift die Verunsicherung über die geometrischen Verhältnisse von der Skulptur auf den Raum über – Ebenen und Winkel scheinen verzerrt. So eindeutig Einzelelemente und Konfiguration beschreibbar sind, im Gesamteindruck gerät die Geometrie von Skulptur und Raum aus den Fugen. Was ein unterkühltes Spiel mit der Form sein könnte, entpuppt sich als verstörende psychologische Erfahrung. Der Aufenthalt im Einflussbereich der Arbeit kann an subtile Belastungsgrenzen führen. Das gelbe Licht steigert noch einmal die Wirkung. Mit industrieller Penetranz setzt es Objekte und Menschen der allseitigen Beobachtung aus und emotionalisiert zugleich die Wahrnehmung. Noch nach Verlassen des Raumes ziehen purpurne und schwarze Nachbilder vorüber. Die Rationalität einer genau berechneten und durchschaubaren geometrischen Konstellation – zusätzlich in die materielle Solidität und Autorität des Marmors gefasst – schlägt um in die Unwägbarkeiten einer psychophysischen Erfahrung. Kontrolle und Kontrollverlust durchkreuzen sich. Die Geometrie erscheint jenseits ihrer möglichen Symbolhaftigkeit (als Kreuz, als X) als ebenso sachlich wie verstörend, als Auslöser einer Raum- und Selbsterfahrung, die zwischen Faszination und Flucht schwankt.

Hand und Wort

Die Hand setzt die Sprache frei, hat der Anthropologe André Leroi-Gourhan gesagt. Und umgekehrt möchte man bei Nauman denken: Die Sprache setzt die Hand, den Körper, die Skulptur frei. So wird die Redewendung From Hand to Mouth (1967) in einem völlig wörtlichen Sinn Skulptur: Abguss der Körperpartie zwischen Hand und Mund. Hergestellt wird eine kontinuierliche, eine organische Verbindung zwischen Tasten und Sprechen, zwischen Begreifen und Artikulieren, zwischen Physis und Sinngebung. In den frühen Experimenten in Sachen Raum- und Selbstwahrnehmung ergänzen (oder konterkarieren) häufig sprachliche Perspektiven die materiellen und psychischen Erkundungen. Dabei werden Hände als spezifische Schnittstellen zwischen Körper und Verstand, zwischen Wahrnehmung und Strukturierung, zwischen Selbstvergewisserung und Kommunikation herausgestellt. ‚Sprechende’ Hände führen in fotografischen Bildern verwirrende ‚Selbstgespräche’ über Druck, Berührung und Verdopplung oder treten als ‚Kommunikationswerkzeuge’ besonderer Art in Neonarbeiten aggressiv hervor. In Videos demonstrieren sie Taschenspielertricks oder vereinigen sich als hyperrealistische Bronzeskulpturen in einer Art statischem Zeichenballett zu Paaren. Hatte Nauman die Oberfläche der eigenen Hand in einer Zeichnung von 1967 schematisch, kartografisch erfasst, stehen in fünf Blättern von 1994 die Bewegungsmöglichkeiten der Finger und ihr Ausdrucks- und Zeichenpotenzial im Mittelpunkt. Manche dieser ‚Figuren’ könnten absichtsloses Spiel sein, andere ein Maß oder eine Form angeben, und wiederum andere erinnern an kodifizierte Handzeichen aus Alltag, Beruf oder Sport. Keines dieser Fingerspiele jedoch ist eindeutig. Anders, aber nicht weniger verwirrend bei einem neueren Video (Combinations Described, 2011). Die ausgestreckten Hände führen im ständigen Wechsel alle möglichen Kombinationen der acht Finger und zwei Daumen vor; simultan beschreiben mehreren Stimmen diese Gesten. Auf der einen Seite ist es eine Übung in körperlicher Selbstdisziplin, in spielerischer Verfügung über die eigene Physis. Auf der anderen Seite richten sich die Hände als stumme Signalgeber an andere, die diese wiederum in Sprache verwandeln. Neben der so doppelt durchgespielten Geometrie der Hand läuft ein gleichsam mathematischer Subtext mit, werden mit Fingergesten dieser Art doch (kulturell unterschiedlich) auch Zahlen angegeben. Latent kommt so über die Arithmetik eine Schwester der Geometrie in Spiel. Bei den Hand-Zeichnungen wiederum fällt das geometrische Gerüst der Fingergesten mit ihrer Kombination spitzer und flacher Winkel auf. Sie sind der Anatomie der Hand geschuldet, erinnern aber auch an die Vorliebe Naumans für nicht-rechtwinklige, für perspektivisch verzerrte Formen, die nicht zuletzt bei den Block-Skulpturen die Dynamik des Geschehens bestimmen. Selbst noch in den organischen Konstellationen der Hände gibt es so eine (latente) Ausrichtung an und ein Spiel mit geometrischen Figuren – ähnlich wie der Körper des Performers in den Videos an die Stereometrie des Raumes gekoppelt ist.

Reziprok      

Ein Kehrwert ist in der Mathematik ein Bruch, bei dem Zähler und Nenner vertauscht werden. Neben den Ausgangswert gestellt ergibt sich eine X-förmige Figur. Die Ziffern überspringen kreuzweise den Strich, der sie trennt. Mit der Figur des Kehrwerts könnte man auch das Verhältnis von Körper und Geometrie bei Nauman beschreiben. Nicht nur, dass das eine das andere bedingt und umgekehrt. Mehr noch, wo man den Körper erwartet, verbirgt sich die Geometrie, und wo man Geometrie sieht, entblößt sich der Körper. Reinste Verunsicherung, ungelöste Widersprüche, anhaltende Spannung – oder Stirrings Still, wie Becketts letzter Text überschrieben ist. 


(2012)